December 16, 2018, Sunday, 349

20.Juni 2016

Aus Commons Sommerschule

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Dokumentation 2016

Inhaltsverzeichnis

Warum bin ich hier? Erwartungen; eigene Fragestellungen

Fragen des Sommerschulteams

Was suche ich in dieser Woche? In den Commons? Was treibt mich? ... Und wir haben Zettel hingelegt und geben 15 Minuten Zeit durch diese Fragen zu gehen: Mit welchen Fragen kommst du in die Commons Sommerschule und mit welchen konkreten Anliegen zum Thema Commons und Commoning? Jede/r wie er/sie mag, es muss auch nicht so konkret sein...

Offene Runde mit Metaplan-Karten

alle bringen ihre Themen ein, gemeinsamer Versuch sie zu clustern

Kl: zwei Dinge, das eine ganz realistisch, das andere geht Träume für die Zukunft an. Meine Frage ist: Was kann man sich erhoffen?

J: … die erste Frage ist ganz profan: Was sind die Commons? Wer macht sie? und dann die Verbindung von technischen und sozialen Prozessen?

T: Wie kann man eine Antwort finden auf die normativen Kraft des Normalen? Wie kann man Commons nicht-commons-affinen Menschen kommunizieren? Und dann die Initiativen zur Commons-Kommunikation: Welche Initiativen gibt es?

M: Ich mache viel Praxis und wollte mir Zeit nehmen für die Theorie: also Commons als Prinzip der Wirtschaftsorganisation: wie kann man das praktisch realisieren? Dann die Verbindung zwischen Commons und Eigentum? Und schließlich die Grenzen der Commons: kann und soll alles Commons werden? und Commons und Geld: geht das zusammen?

H: ich bin hier weil ich mich für konkrete commons-projekte interessiere also Interesse für Kontakt zu knüpfen, auch in Bezug auf das Monsanto-Tribunal.

D: mich interessiert eher die Praxis

Su: wer sind die Leute in Deutschland die was mit commons machen? Können commons Einfluss auf einer grösseren Ebene haben? Gibt es Konflikte oder Kooperation zwischen Commons-Projekten und der Verwaltung?

K: Die Menschen wollen ja alle glüclich sein und ich frage mich, ob die Commons glücklich machen? Brauchen sie eine bestimmte Persönlichkeit, also charakterbildung?

St: welche Rolle spielen commons in der lokalen Ökonomie, welche in Unternehmen? Dann die Frage des Selbstverständnisses? Und wie kann man commons so implementieren, dass sie einen Mehrwert schaffen?

Hi: Ich bin in einem Landwirtschaftprojekte tätig: Wie können diese Art Projekte langfristig eingerichtet werden und sich zu größeren Einheiten verbinden? Wie können wir, ohne sich auf Ausgrenzungen zu versteifen, mögliche Rekommerzialisierungstendenzen überwinden? Und wie könnten die Beteiligten den Aktivitätsgrad in selbstorganisierten Gruppen langfristig verabredet erhöhen? Wie kann die Commoning-Bewegung wirken als ein lebendiger Teil eines gesellschaftweiten Gespräches in praktischer Absicht, um den Kapitalismus zu überwinden?

B: Wie kann man traditionelle Erfahrungen ins Öffentliche bringen? Z.B. Letzte Oya mit einem Beitrag von einer alte Dame, die erklärte wie man Sachen damals gemacht hat. Diese konkreten Erfahrungen werden ja in der nähen Zukunft brauchen. Wie kann man sie reaktivieren?

A: Was mich umtreibt ist dieses alte Gefühl, etwas Gemeinsames verloren zu haben, wie kann man es überwinden? → Verlust der Gemeingüter und was wir dagegen tun können. Und dann die Sache der Privatheit: Was habe ich in meinem Hof, das die anderen brauchen könnten? Und dann: Wie kann man commoning als positivenG edanken zurückkriegen; und ganz speziell wie kann ich in einem Allmendeprojekt mitmachen?

At: Wie kann ich mein Leben als commoning gestalten, und unter anderem Kinder begleiten als commoning? Wo sind Ansatzpunkte, so dass diese Idee zB in der Lokalpolitik als gute Option gesehen wird, ganz konkrete Ideen wie: wie können Baulücken als commons gestaltet werden?

Sa: Mich interessiert commons-Beteiligung und wie kommt man dazu Regeln in den Raum zu stellen? Wo sind die commons lobbyisten? Dann die Frage mit der Illegalität; Saatgut zum Beispiel, wie geht man damit um? Und dann werde ich ein Workshop organisieren in Sachsen und ich würde gerne verstehen, welche Regeländerungen notwendig sind (Bauregeln), damit die Leute nicht so viele Infrastruktur brauchen, um öko zu bauen?

He: was ich ganz spannend fand ist, dass hier diese ganze Gruppe da ist, und dass es also diese ganzen Ideen diskutiert werden; also einfach die Erwartung, dass ich das beobachten kann. Auch ich bin auf das Land gekommen mit der Idee was Neues zu schaffen: also wie schaffe ich das?

J: Was ich bisher mitgekriegt von dieser Commons Szene mitgekriegt habe, scheint mir ein bisschen unstrukturiert. Also: wie kann man digitale tools dafür benutzen und davon profitieren?

T: Ich habe Interesse, Commons zu verstehen und freue mich, neue Leute kennenzulernen.

L: Was bringt urbane Landwirtschaft für den Commons-Gedanken? Was ist dann die Ressource wenn es überhaupt so was gibt? Und wie entfaltet sich die Verbindung zwischen Theorie und Praxen? Und inwiefern ist urbane Landwirtschaft wichtig für Commons?

Wir beginnen zu arbeiten, im Themenspeicher verbleiben zunächst

  • Wie kann mein Leben Commoning sein?
  • Wie können wir commoning zurück (als Gedanken) gewinnen?
  • Commons und selbstverständnis – Wer bin ich? (Menschen Bild)
  • „Es geht mich nichts an!" → Privatheit, zu satte Gesellschaft
  • Wie können Menschen ihre Angst ablegen?
  • Wie entstehen gute und gutgemachte Commons Projekte? Braucht es bestimmte Persönlichkeiten? Leadership/ Charakter Bildung?
  • Macht "commoning" Menschen glücklich?
  • An welchen Stellen ist es für Stadt, Land... leicht, commoning-Projekte zu unterstützen?
  • Sprache über commons für lokale Politik
  • Wie Commons Nicht-commons-affine kommunizieren?
  • Commons verteidigen --> Hacking Politics
  • Regeln für strukturwache Region die Commoning ermöglichen
  • Diskussion über politische Einfluss/Netzwerkausbau auf grösserer Ebene
  • Ist Regelverstoß notwendig um Commons zu erhalten?
  • Wie könnte der Aktivitätsgrad in selbstorganisierten Gruppen in Verabredung mit allen Beteiligten langfristig erhöht werden?
  • Commons als lebendiger Teil einer gesellschaftweiten Debatte in praktischer Absicht über "Wege aus diesem System"
  • Rolle eines intensiven Gesprâchsgeflechtes in kapitalismus-überwindenden Gruppen
  • Wie können wir aufbrechende (Re-)Rekommunalisierungtendenz überwinden?


Thema: Prinzipien des Commoning

Was ist und wie gelingt Selbstorganisation?

Hi: Ich skizziere nur einige kurze Aspekte, um einen offenen Prozess zu inspirieren: Ich verstehe Selbstorganisation so, dass die beteiligten Personen Teile ihres Lebens selbst organisieren.

In Hamburg haben wir ein kleines Projekt, da haben wir einen gemeinsamen Lernprozess in kleinen Gruppen geschafft: die Freie Uni Hamburg, zum Beispiel wird ein Buch zusammen gelesen. Es gab auch eine Freie Software - Gruppe, zwei Musikgruppen, eine Astronomie - Gruppe, eine Gruppe zur Frage: Was ist Ware?/ Was ist Geld?

Selbstorganisation entstand auch in den Studentenbewegungen um 1970 in vielen Ländern, oder in der Kinderladen-Bewegung, Wohnprojekte, erste selbstorganierte Fahrrad-Projekte und vieles andere. Es gibt die anarchistische Traditionslinie mit einer praktischen Kritik von dem konventionellen [?]... Und es gibt christliche Traditionslinien der Selbstorganisiation. In neuerer Zeit hab ich versucht, von dem zapatistischen Ansatz der Selbstorganisation zu lernen. Auch war ich vor drei Jahren für drei Wochen bei einer großen Stadt-Land-Kooperative in Venezuela, Cecosesola (hier zur spanischen Facebook-Seite) in und um Barquisimeto, wo mehrmals in der Woche mehrere Stunden diskutiert und die eigenen Belange geregelt werden. Ich arbeitete mit um diese Erfahrung kennenzulernen. Es beteiligen sich regelmäßig ca. 1500 Menschen an diesem riesigen Gesprächsgeflecht. Alle Gruppenbelange werden dort besprochen und immer direkt danach auch umgesetzt.

Ich bin zudem in der Zeitschrift CONTRASTE dabei, eine Monatszeitung für selbstorganisierte Projekte und Betriebe, entweder um Artikel zu schreiben oder um von Gruppen selbst geschriebene Artikel zu begleiten. Ein Beispiel für Selbstorganisation gibt es in der CONTRASTE vom Juni 2016. Es ist ein Artikel über die Kaffeerösterei Kollektiv La gota negra, besonders das sich anschließende Kurz-Interview.

Also, Was bedeutet mir Selbstorganisation? Selbstorganisation eröffnet einen neuen Erfahrungsraum für mich und alle jeweils Beteiligten. Es entstehen Alternativen zum Bestehenden, neue Praxen usw. die vorher nicht da waren. Ich sehe die Möglichkeit, aus mit Notwendigkeit innerhalb von selbstorganisierten Gruppen aufbrechende Konflikte kreativ zu bearbeiten, um was Neues zu gestalten, jenseits von Markt und Staat. EINE Voraussetzung ist allerdings eine gewisse "Dichte" des Aufeinander - Einlassens und der praktischen Zusammenarbeit. Sonst sind kaum soziale (Selbst-(Veränderungsprozesse in Richtung auf mehr Gemeinschaftlichkeit möglich. Selbstorganisation sehe ich zudem als einen selbstkritischen Prozess. Das sagen und machen die Zapatisten ja auch mit ihrer prozessartigen Herangehensweise des "fragend vorangehens“ (preguntando caminamos). Und ich finde das sehr wichtig und spannend, dass die Beteligten manchmal nicht sooo richtig wissen, wohin die Reise geht in dem Commons Prozess, also in eine persönliche Verstehnskrise geraten. Das ist in meiner Erfahrung gar nicht so schlimm, es gehört zum Prozess.

Si: diese Konzentration auf die einzelnen Schritte, wie das bei Cecosesola gelingt, ist genau ist wovon wir reden. Das „Gesprächsgeflecht“, an dem alle beteiligt sind, kostet etwa 30% ihrer Zeit. Für andere Menschen ist das ein Alptraum, aber für die Cecocesoleros ist das einfach ihr Leben.

Hi: Ja ... sie/ wir arbeiten manchmal ohne Problem mit den Konflikten, oder lernen auch sie machmal auszuhalten. Das gehört dazu.

Si: ok, also Selbstorganisation hat viel mit Selbstreflexion und Selbstkritik zu tun.

Transparenz und Dokumentation

M: mein Thema ist Transparenz. Von der Selbstorganisation kommt man leicht da hin: ohne Transparenz und Dokumentation geht kein commoning. Eine Sache, bei der ich aktiv gewesen bin, ist diese Open-Source-Kreislaufwirtschafts Bewegung (oscedays.org). Open Source kommt aus der Software. Das heißt nicht: es ist einfach alles offen verfügbar und man macht was man will, sondern wenn man was verändert in dem Code, dann muss man das dokumentieren und es ist ein ganz essentieller Teil davon. Viele machen das ungern, wirklich alles zu dokumentieren, aber darum geht es auch nicht. Es wird aber aufgeschrieben: was verändert wurde, was nicht geklappt hat usw. So dass man nicht immer die gleichen Fehler wiederholt. Ich war unter anderem in den OSCE-Days mit dabei und das ist eine weltweite Sache von Leuten, die das gemeinsam organisiert haben, obwohl sie sich nicht kennen. Wir haben versucht, das wirklich offen zu machen, was wir da in Berlin gemacht haben, so dass alle das wissen und das Gleiche tun können. Wenn Leute neu dazu kommen, die nicht wissen, was in der Vergangenheit gemacht wurde, dann werden solche Leute de facto von diesem Commons-Prozess und von Entscheidungen ausgeschlossen, weil Wissen ist Macht, da gibt es dann Wissensvorsprünge und die Insider können das an sich reißen und die anderen wissen gar nicht, was da passiert. Um das nicht zu haben, ist es sehr wichtig, alles gut zu dokumentieren. Und dann ist es auch sehr wichtig eine Methodik zu entwickeln, wie man dokumentiert, damit andere das auch nachvollziehen können. Die Methodiken sind ganz verschieden, das kommt darauf an, ob man open source business models entwickeln will, Open Hardware oder Open Education o.a.: das ist ein ganz spannender Prozess.

Handlungsmöglichkeiten erweitern

Th: Eine Ausgangsthese ist, Commoning gelingt uns nur wenn es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Heute ist das too big to fail Phänomen weit verbreitet. Ganz viele Systeme sind jetzt so, nicht nur das Marktsystem, sie dürfen nicht scheitern und bringen damit die Gesellschaft in eine Geiselhaft. Alle Probleme will man mit mehr Wachstum lösen und zementiert dabei bestehende Wege. Man nennt das Pfadabhängigkeit. Ich will Wanda (drei Monate altes Kind, die zur Gruppe gehört) erwähnen: sie sollte auch die Möglichkeiten haben, die Zukunft mitzugestalten, auch jenseits aller bestehenden Lösungen. Es gibt in der Philosophie dieses Konzept des Geborenseins, unter anderem in der Arbeit von Hannah Arendt (Natalität): und das ist hier meine These. Es ist eine Absage der Idee vom Ende der Geschichte, die Idee zu sagen wir sind immer frei und es ist nicht so schlimm wenn ein Fehler passiert, wir sind nicht perfekt. Wir können immer wieder neu beginnen.

Nach 15 Minuten Pause werden diese drei Aspekte/Thesen/Prinzipien in Kleingruppen diskutiert. Dabei wechseln die Gruppen jeweils nach 20 Minuten. Dokumentation der Gruppendiskussionen auf Plakaten.

Ergebnisse der Kleingruppendiskussion zu den einzelnen Themen

Selbstorganisation

Hi: Es waren nicht so viele Leute von uns, die das Thema interessiert hat: Schwerpunkt Selbstorganisation und da hatten wir den K. dabei, der das Thema Soziokratie eingebracht hat, und dem übergebe ich das Wort.

K: Soziokratie → es gibt da 4 Prinzipien: Kreisprinzip (alle Entscheidungen werden in einem Kreis getroffen, mit eigenen Ziel und mit allen Betroffenen); das Prinzip des Konsent (nicht Konsens); Prinzip der doppelten-Verknüpfung: man kann verschiedene andere Kreise nennen oder einen übergeordneten Kreis nennen und die Entscheidung dann darüber schicken [Anm: PRÜFEN; DA UNKLAR]; und schliesslich ist das Prinzip der offenen Wahl, also die Idee, dass bei der Wahl alle ganz offen auf einen Zettel schreiben, wen er/sie wählt und dann vor der Gruppe erklärt, warum er das so macht.

Si: wieso ist es dazu gekommen, dass Ihr in der Selbstorganisationsgruppe über das Prinzip der Soziokratie und dessen Anwendung in Unternehmen geredt habt?

K: weiss ich nicht mehr

Hi: ?; wenn es erstmal ein kleiner Teilbereich ist, dann wird es leichter, erfolgreicher und überschaubarer; für Beispiele hatten wir nicht so viel Zeit aber z.B. können Leute in kleinen Foodcoops erste Erfahrungen in selbstorganisierter Zusammenarbeit machen.

J: das ist ein bisschen wie change management

Hi: Aber da sehe ich ein Problem, dass man die Leute auch dazu zwingt oder nötigt das zu machen, auch wenn sie das nicht wollen.

Si: ok gehen wir zur nächsten Gruppe. Ich hab notiert: Selbstorganisationsfähigkeit entwickeln.

Transparenz

Ansatz: Wir übertragen die Open-Source-Methode in andere Bereiche (Bei jeder Änderung wird dokumentiert, wer sie wann und warum gemacht hat. Alle Fehler und ihre Lösung(sversuche) werden dokumentiert.) Frage: Ist das eine gute Idee?

  • Es kann schnell eine 'Fachsprache' an Abkürzungen entstehen, die erklärt werden muss.
  • Man braucht in umfangreichen Dokumentationen ein Wegweisersystem, damit man Informationen finden kann
  • Informationen lassen sich leichter finden, wenn sie in einer 'Storyline' wiedergegeben werden.
  • Transparente Kommunikation kann Konflikten vorbeugen, weil klar ist, wer in Entscheidungen aus welchem Grund involviert war und wie diese zustande gekommen sind. Das lässt sich im Konfliktfall leicht nachvollziehen, ebenso wie die Frage, was denn tatsächlich beschlossen wurde und wann, und was daraus später geworden ist.

In der Zusammenarbeit entstehen informelle Strukturen: Freundschaften, die wichtig sind und bleiben sollten. Wissen sammelt sich unweigerlich bei denen an, die im Projekt viel tun, die viel Erfahrung haben. Dokumentation verhindert hier informelle Machtstrukturen und Ausschlussprozesse. Wissen wird weitergegeben und ist damit kein (oft unbeabsichtigtes, manchmal auch unbewusstes) Machtmittel mehr.

Spannungsfeld mit: Ausführliche Dokumentation kann zur Informationsüberlastung führen. Die Frage ist dann: Wer liest sich das wirklich noch durch? Es steht 'Effizienz' der echten Effizienz entgegen, wenn zwar effizient dokumentiert wird, aber nichts damit passiert, sondern alles nur in der Ablage landet. Es besteht ein Spannungsfeld zwischen überbordender Dokumentationswut und echter Arbeit (Beispiel Krankenhäuser und Schulen: so nicht). Allerdings brauchen wir vielleicht auch die Geduld für den Prozess, denn sonst gehen wesentliche Informationen leicht verloren.

Es gibt für erfolgreiche Projekte einen Dokumentationsbedarf, denn andere Projekte fragen nach, weil sie aus den Erfahrungen lernen wollen. Weil man nicht weiß, welches Projekt erfolgreich sein wird, sollte bei allen Projekten ein Minimum an Dokumentation für die Weitergabe an Informationen an später Interessierte stattfinden. So werden Können und Erfahrungen nutzbar gemacht, denn es ist dann später auch klar, wer die weitergehenden Informationen hat, weil er/sie beteiligt war.

Die Frage ist: können Erfahrungen wirklich über Dokumentation nutzbar gemacht werden? Kann man so dokumentieren, dass andere es wirklich nachvollziehen können?

These: "Man kann Dinge nicht festhalten" (Man kann und sollte auch nicht versuchen alles festzuhalten. Man muss auch loslassen können.)
Das Risiko von zuviel Dokumentation ist, dass sich Wege festfahren und nötige Innovationen bei veränderten Bedingungen verhindern können. (auf der anderen Seite vom Poster)

Entscheidend ist:

  • Was wird dokumentiert? (Was ist wirklich dokumentationswürdig?)
  • Wie viel Zeit kostet das? (Wie viel Zeit darf es in Anspruch nehmen, damit die eigentliche Arbeit nicht zu kurz kommt?)
  • Wie dokumentieren wir? (Welche Form ist geeignet, um die Informationen festzuhalten?

Wir brauchen eine Methodik dafür: man kann Dokumentations'kümmerer' haben, die sich damit gut auskennen. Es kann definiert werden, welche Prozesse dokumentiert werden, es kann einen Dokumentationscode geben, der es vereinfacht und schneller macht, manche Dinge festzuhalten.

Formen: z.B. Fotos (Beispiel: 'Mugshot' (alle Teilnehmer halten ein Schild mit ihrem Namen und ihrer Funktion bei dem Treffen hoch, es wird ein Bild gemacht: pro: sehr schnell gemacht+der Name bekommt ein Gesicht, das man bei anderer Gelegenheit wiedererkennen kann, auch wenn einem der Name nicht mehr einfällt//contra: nicht alle wollen, dass man sie wiedererkennt+ nicht in allen Prozessen ist es sinnvoll, das festzuhalten), online-Dokumentation (braucht ein Back-up, damit Daten nicht verloren gehen:

Dokumentation sollte redundant (mehrfach vorhanden) sein, denn wenn alles an einem Ort ist, kann auch alles gleichzeitig verloren gehen - führt zurück zu der Frage: Wie viel Zeit und Energie darf das schlucken? Andere Form (traditionell): orales Storytelling: es wird nur die Essenz in Form einer Geschichte weitergegeben, die immer wieder erzählt wird - vs schriftliche Dokumentation, in der sich die Fakten nicht verändern und unabhängig von Personen festgehalten sind.

Unter Freuden gibt es eine andere Form der 'Dokumentation', die in den Beziehungen enthalten ist. Damit diese funktioniert, müssen die Beziehungen offen bleiben und anderen gegenüber transparent sein wollen.

Beispiele:

  • Open Transformap: die Dokumentation ist semantisch (einzelne Begriffe im Überblickstext sind verknüpft mit detaillierteren Texten/ tiefergehenden Informationsebenen, die ggf. weitere Erklärungen bieten und mit anderen Zusammenhängen Verknüpfungen erstellen: Wiki-Prinzip, Link-system im Internet=semantisches Web). Schließt Menschen aus, die keinen digitalen Zugang haben oder wenig netzaffin sind
  • Vipassana-Training: Informationen sind stark standardisiert schriftlich festgehalten, so dass sich Neue in Selbstbeauftragung Aufgaben aneignen können, weil sie wissen, was zu tun ist. Über einen Feedbackbogen werden die Dokumentationen permanent angepasst und verbessert. Genutzt werden nicht-digitale Loseblattsammlung, bei der einzelne Seiten immer wieder ausgetauscht werden können.

Schlussfolgerung:
Man muss die Bedingungen beachten, unter denen dokumentiert wird:

  • Wie viel Fluktuation ist in der Gruppe? (Wenn alle immer dabei waren, wissen eh alle über alles Bescheid)
  • Gibt es eine räumliche Entfernung? (Wenn die Personen über Distanz miteinander arbeiten oder Teile der Gruppe nicht vor Ort sind, braucht man viel mehr Dokumentation, um sie dennoch einzubeziehen)
  • Wie groß ist die Gruppe? (in kleinen Gruppen kann effektive Kommunikation auch ohne Dokumentation funktionieren, in großen Gruppen braucht man mehr Dokumentation, weil die Kommunikation komplizierter wird)



Transparenz.jpg


Erweiterung der Handlungsoptionen

Th: Also, Erweiterung von Handlungsoptionen scheint nicht zu überzeugen, aber wir haben das Konzept der Generationengerechtigkeit betont. Es ging auch viel um Transparenz und Selbstorganisation. Die Handlungsoptionen sind eine interne Geschichte für eine Commonsorganisation. Inklusion und Exklusion sind zu regeln...

Sa: kann man eine Organisation die nicht selbstorganisiert ist Commons nennen?

Si: ich würde sagen nein, aber das wäre jetzt meine Frage an Euch.

K: In der Soziokratie gibt es sehr gute Ansätze um sich zu organisieren

Si: Viele finden es total hilfreich zu unterscheiden zwischen, sagen wir, Air-B&B und couchsurfing oder zwischen facebook und diaspora: in beiden Fällen ist die Plattform frei zugänglich, aber der Unterschied ist nicht im Zugang, sondern im Eigentumsrecht und der Philosophie dahinter. Facebook: gehört einem Unternehmer/n, der/das über die Gewinne entscheidet – und es geht um Gewinne machen. Diaspora ist von der community organisiert und nicht gewinnorientiert. Niemand profitiert individuell. Und deswegen ist das eine Commons und das andere nicht. Und das muss man also im Kopf haben, wenn über die sog. Sharing economy diskutiert wird.

Th: Zwei Aspekte: Zum einen kennen wir das Ende des Prozesses nie, und zum zweiten gehört es zum Respekt vor den jungen Menschen, dass Ihre Handlungsmöglichkeiten sicher nicht verkleinert werden, sondern vergrössert. Es bedeutet auch, dass es immer Alternativen gibt.

J: Es geht im Prinzip um Generationsgerechtigkeit.

St: es hat mit Pluralität von Wegen zu tun

T: Das auf jeden Fall, und das ist in der Philosophie des Geborenseins auch ein sehr wichtiger Begriff.

D: ja und in der Landwirtschaft ist diese Frage der Vielfalt auch sehr akut. Ich war zB lange in einer Foodkoop und dann haben sie angefangen zu kooperieren mit einer anderen Organisation in Spanien, immer noch Saison-Sachen, und dann sogar mit anderen durch Netzwerke. Dadurch hatten wir mehr Auswahl und so und ich das fand ich super.

T: Was sagt der Ökonom?

J: mit Gerechtigkeit habe ich mich schon beschäftigt, aber sonst habe ich noch keinen bestimmten Beitrag.

A: ich finde diese Idee der Spiritualität und der Verbundenheit sehr gut, dann würden sich viele Probleme erledigen. Für mich heißt 'Handlungsoptionen erweitern', wenn wir uns radikal miteinander verbinden.

St: etwas das vernetzt ist ist auch etwas das lebt, also immer in Wandel, und immer mit Vielfalt usw. verbunden. Also vielleicht ist der Kerngedanke dass commons einfach eine Philosophie der Lebendigkeit ist.

A: das ist ja schön.

J: aber Handlungsoptionen erweitern sich auch dadurch, dass man benutzt, was man dafür braucht, und da kommt auch noch diese ganze Frage des Digitalen ins Spiel. Das war in der Marxistische und Hegelianische Philosophie schon drin. Es gibt ein Spannungsfeld von Evolution und Revolution und es geht darum, die progressiven Elemente des alten Systems aufzunehmen, zu nutzen. Ohne dieses Sich-Bewusstwerden über die Klimakatastrophe, würde man sich keine Gedanken machen; genauso wie die Tatsache, dass es Kapitalismus sein sollte ja, von da gehen wir jetzt weiter – das ist die Idee von Marx.

St: und noch eine kleine Idee zu den Zapatisten. Die Idee, dass sie nicht scheitern dürfen, - Thema Selbst-Kritik-, dass wir uns erlauben zu scheitern, und dass das zur Selbstkritik gehört.

T: Genau, fehlerfreundlich zu sein.

St: also, J., Du hast eine Art fatalistischen Ansatz im Gegensatz zu dem, was Thomas sagt

J: nee, also es ist eher realistisch.

D: Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine, ein Buchempfehlung.

Gelingensbedingungen für Commoning

Elinor Ostrom und Kolleg_innen haben aus vergleichender Feldforschung 8 Designprinzipien für langlebige Commons-Institutionen gefiltert. Innerhalb dieser finden ständig soziale Prozesse statt, die auch in der deutschsprachigen Diskussion mangels einer geeigneten Übersetzung oft als „commoning“ bezeichnet werden.

Wie commoning gelingt, ist u.E. nur unzureichend erforscht. Einige Elemente haben wir auf der 4. Commons-Sommerschule zusammengetragen. Dies ist nur ein Auftakt.

Thesen der 4. Commons Sommerschule Juni 2016

  • Commoning gelingt besser, wenn Selbstorganisation als ständiger selbstkritischer, selbstreflexiver Prozess verstanden sowie eingeübt und praktiziert wird. Je mehr Selbstorganisationsfähigkeit, umso selbstverständlicher erscheint commoning.
  • Commoning braucht Transparenz. Transparenz braucht umfassende und geduldige Dokumentation von Prozessen, Problemen und Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns.
  • Commoning gelingt nur [besser?], wenn es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen transparenter Selbstorganisation zu erweitern.