August 20, 2017, Sunday, 231

Werte und Prinzipien

Aus Commons Sommerschule

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Inhaltsverzeichnis

Ausgangspunkte der Diskussion

  • Erfahrung von B., dass Commons sehr anschlussfähig sind, deshalb von Gruppen übernommen werden können → wie lässt sich der „Geist“ behalten/schützen?


  • Sind Werte in die Theorie eingebaut? So wie die normativ-geladene Praxis in der Frankfurter Schule?
  • Wertediskurs auf Ebene des Commonings ODER normativ-geladene Commons-Theorie?
  • Commons als Große Erzählung; „Das Leben in Zeiten der Commons“

Welche Werte des Commonings sind für eine gute soziale Praxis notwendig

Fairness:

  • Keiner kommt unter die Räder
  • Empfundene Fairness (statt Gleichheit) – Mein Beitrag und Nutzen ist im fairen Verhältnis (nach meinen Möglichkeiten)


Nicht-Diskriminierung

  • Beispiel: in der Wikipedia findet das Commoning unter Männern statt, Frauen werden diskriminiert; es ist auch schwer Grenzen der Wikipedia zu definieren.
  • Keine Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Wertschätzung/Anerkennung/Akzeptanz für Prosument_Innen


Nicht-Leitbild: Linke Gruppen, die sich vor allem abgrenzen von bestimmten negativen Verhaltensweisen

  • Gesucht sind grundsätzliche positive Leitbilder
  • Commons als große Erzählung (im Vergleich zur Bioökonomie oder den Naturwissenschaften)
  • Leitgeschichten des Commonings



Aufbauend auf den Kategorien in der Tabelle in Webers Beitrag im Jenseits von Markt und Staat – Buch diskutierten wir die dahinter stehenden Werte und Prinzipien:

Vielfalt

  • auch Bestandteil des Commons-Diskurs im allgemeinen, den er hat Interesse an intern vielfältigen Strategien und Akteuren des Wandels
  • Formulierung von D.: „Die Nutzer_Innengruppe konstituiert sich so, dass die Vielfalt an Menschen, Kulturen, Fähigkeiten, Beiträgen, Einstellungen, Interessen (Stärken/Schwächen)...akzeptieren, anerkennen oder wertschätzen und nicht aufgrund der Unterschiedlichkeit ausgeschlossen sind.“

Freiheit in Bezogenheit

  • Freiheit als Gruppengegebenes
  • 8 Prinzipien bieten gute Grundlage dieser Aushandlung

Integration

  • Integration in ein Netzwerk der Vielfalt (andere als Knoten hinzufügen, nicht andere Menge in eigene Menge integrieren)
  • Vielfalt akzeptieren, anerkennen, wertschätzen
  • prinzipielle Offenheit

Subjekt der Gemeinschaft

  • statt passiver Abhängigkeit (Konsument)
  • statt kämpferischen Individuen (Überlebenskämpfer)
  • Verantwortung für sich und für die Gemeinschaft

Lokal und global (holistisch)

  • Spirituell: alles hängt mit allem zusammen
  • Wissenschaftlich: Disziplinen sind nicht trennbar, Lösungen nicht durch Vereinzelung / Sektoralisierung suchen
  • Ko-Evolution – wechselseitige Beeinflussung
  • Normativ gewendet: Individuen und Gruppen wissen um sich und um ihre Beeinflussung des Großen, sowie um ihre Beinflussbarkeit durch das Große

Gelingen = Kompromiss

  • Vielleicht eher: Suche nach anderen Lösungen, die besserstellt
  • Hegel: das übergeordnete Allgemeine
  • Nicht-paretooptimalität, sondern Bedürfnisabgleich und eigendefiniertes Besserstellen

Open source

  • Sieger: wer am tiefsten mit der Gemeinschaft verwoben ist
  • Besser: höheres Wohlergehen durch tiefere Vernetzung

Vielfalt der Ausdrucksformen Selbstausdruck als Kultur (statt Monopol oder Dominanz)

  • Vielleicht besser: Gruppenziel ist die Ermöglichung der Selbstausdrucksfähigkeit aller

Prekäre Gemeinschaft der Individuen

  • als Nichtbeziehung
  • vielleicht besser: variable und flexible Gemeinschaften, oder „in einem Prozess veränderbare Gemeinschaften“



Werte, die sich aus der Diskussion dieser Punkte ergaben

  • Vielfalt / Vielseitigkeit – Unterschiedlichkeit zulassen
  • Entfaltungsmöglichkeiten / Emanzipationsmöglichkeiten/-potenzial
  • Einschließen/Mitnehmen/Hinzufügen
  • Verantwortung, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung der Gruppe (sind für sie Emanzipation)
  • Verhandelbarkeit, Prozess-Denken
  • Empathie haben, Bedürfnisse spüren können
  • Prinzipielle Offenheit (Vielfalt als Resultat von Offenheit)
  • Glücklich sein nur, wenn andere glücklich sind
  • Möglichkeit, Vertrauen zu können (Wertehaltungen gibt es so viele, wie es Menschen gibt)
  • Freiheit in Bezogenheit (Schwerpunkt auf Bezogenheit)



Diskussion: Sind Werte die richtige Kategorie

S.:

  • Wertedebatte vs. Muster aus denen Commons emergieren (Prinzipien, nach denen Systeme gestaltet werden können)
  • Zum Beispiel:
    • Ubuntu-Prinzip (Ich kann nicht sein, wenn du nicht bist)
    • Permissivität (prinzipielle Offenheit)
    • Wertschätzung
  • Vielleicht sorgen die Prinzipien erst im zweiten Schritte für (normativ gute) Werte
    • → Praxis des Commonings kreieren Werte
  • Es muss ein gemeinsames Interesse geben (Orga eines Prozesses, auf allgemeinster Ebene, das Erreichen eines guten Lebens)


Definition von „Werten“ (Wikipedia): Erstrebenswerte / In sich wertvolle Eigenschaften oder Ideen. Können durch einzelne, soziale Akteure oder Gesellschaft definiert werden. Sollen objektiv oder subjektiv sein.
Offene Frage: Wie ist eigentlich der Zusammenhang zwischen Prinzipien und Werten?
These: Vielleicht sorgen die Prinzipien erst im zweiten Schritte für (normativ gute) Werte. Sie entwickeln sich es erst mit der Zeit.

  • Beispiel: Es folgt nicht zwingend Nachhaltigkeit aus den Commons-Regeln. Aber die Prinzipien/Muster können Nachhaltigkeit im zweiten Schritt ermöglichen.

These2: Prinzipien sind weniger biegsam/korrumpierbar als Werte.

  • Deshalb sollten wir eher nach Prinzipien/Mustern suchen und sie verbreiten, als die Werte-Debatte zu führen


K.:

  • auch Kant arbeitete mit Prinzipien und nicht mit Werten; These: Erst Nietzsche hat Werte in die Philosophie gebracht.
    • Normen sind eher moralisch
    • Werte sind „geschmeidiger“
  • Zuvor gab es (Antike) moralische Güter (Rechtschaffenheit, Glück) → kann man das Haltung nennen?
  • Unterschied: Wert(e) ist/sind messbar, Güter sind Tugenden (z.B. Freigebigkeit, Besonnenheit, Tüchtigkeit)
  • Paradox von Berners-Lee: wie kommt es, dass er nicht so sein will wie Bill Gates → Haltung? Intuitives Gefühl
  • Feyerabend: Gefühl/Intuition und Verstand sind bloß verschiedene Zugänge zu Informationen; sie liegen auf einem Kontinuum und unterscheiden sich nur in ihrem Grad der Gesichertheit der Zugänge zu den Informationen


  • In der Wertedebatte kommt man schnell in die Situation des Werterelativismus
  • Aristoteles hätte argumentiert, wohlverstandenes gutes Leben ist erstrebenswert


  • Prinzipien sind strukturell so gefasst, dass sie übersetzt werden können in Algorithmen; Bei Werten hingegen kann man das nicht
  • Können uns Prinzipien helfen, Commoning-Prozesse so zu gestalten, dass sie ein gutes Leben für alle ermöglichen?
  • Offene Frage aus dem Einwand K.: Was bringt jemanden dazu, Prinzipien anzuerkennen (die Eigenschaft, dass sie hinterfragt werden können (und müssen) teilen Prinzipien mit Werten) → was helfen uns also Prinzipien, wenn sie sich darin nicht von Werten unterscheiden?


K.: Anerkennung folgt es erst aus der Anerkennung des kategorischen Imperativs

Diskussion Verteilungsgerechtigkeit:

  • kann ausgelegt werden, ist also ein Wert (bspw. Neoliberalismus legt es als Äquivalententausch aus)
  • wer stellt sie her (über Markt/Staat hinaus gedacht)
    • über Stigmergie (ist aber nur im machtfreien Raum) → da bräuchte es keine Verteilungsgerechtigkeit
    • große Ressourcen anzuhäufen, ist Einhegung; daher bleibt unter heutigen Bedingungen (Banken im Umgang mit Griechenland) sinnvoll von Verteilungsgerechtigkeit


Wofür brauchen wir den Begriff?

  • B.: These: Werte sind aus Prinzipien erzeugte Maßstäbe, nach denen wir messen / beurteilen können, ob wir ein gutes Leben haben.


  • K.: „Gleichheit ist Glück“ These (Prickett-Buch)– gleichere Gesellschaften haben ein empirisch in vielen Kategorien ein besseres Leben
  • S.: es geht nicht nur um Einkommensgleichheit, sondern um mehrdimensionale Faktoren
    • Bourdieu: regionale Unterschiede sind wichtiger als überregionale (ich schau auf meinen Nachbarn, nicht auf die Reichen in Stuttgart)
  • N.: Das Verhältnis zu den begrenzten Ressourcen ist „Freiheit in Bezogenheit“, zu den erneuerbaren Ressourcen ist Fülle (= für jeden genug, Suffizienz)
  • für Bauwens: Die Eigenschaft „rival“ bedingt Begrenzung, „nicht-rival“ bedingt Offenheit
  • Fairness statt Verteilungsgerechtigkeit?:
    • ich bin fair zu dir und glaube, dass du fair bist zu mir (Fairness in Bezogenheit)
    • der engl. Begriff Fair ist nach Rawls näher an unserem (dt.) Verständnis von Gerechtigkeit
    • Problem ist nicht normaler Reichtum, sondern Superreiche, dessen Vermögen ganze Länder kaufen können
  • Prädistribution, oder Prozesssouveränität ist dem vorgeschaltet
Kleiner Text aus aktuellem Anlass in diesem Zusammenhang: Prinzipiensache