June 23, 2017, Friday, 173

Wachstumskritik und Commons

Aus Commons Sommerschule

Wechseln zu: Navigation, Suche

Open Space & Diskussionen auf der Commons Sommerschule 2013 in Bechstedt



Zusammenhänge zwischen Commons- und wachstumskritischer Debatte:
Welche Gemeinsamkeiten bestehen? Wie passen beide Diskurse ineinander? Was sind Streitpunkte oder blinde Flecken?

Kategorie Gemeinsamkeiten / Ineinandergreifen der Diskurse Unterschiede / Leerstellen / „Contested fields“ der Diskurse
Grundverständnis des Verhältnisses zueinander Wachstumskritik für die ökologischen Grenzen, Commoning für das Leben innerhalb dieser ökologischen Grenzen.

Stärken:
Wachstumskritik kann Rahmenbedingungen benennen, also bspw. errechnen wie nachhaltig Lebensstile sind; sowie durch den Blick auf Rebound-Effekte negative Folgen bestimmter Wirtschaftsweisen aufzeigen.

Commoning kann diesen Rahmen mit Leben füllen und Geschichten erzählen. Es ist praxisorientiert, sinnlich erfahrbar (und damit für viele Menschen intuitiv verständlich) und sinnstiftend.
Leerstellen:
Wachstumskritik kann keine kohärente, aus eigener Logik entstehende Geschichte über ein Leben in einer Postwachstumsgesellschaft erzählen. Es analysiert immer nur die Vergangenheit oder die Gegenwart. (Die Umsetzung von Lösungen wird außerhalb der sozialen Sphäre diskutiert). Wenn es trotzdem Lösungsstrategien bennennt, bleiben sie abstrakt (Suffizienz, Subsistenz, Entkommerzialisierung) oder (z.B. in der Degrowth/Decroissance-Bewegung) es leiht sich die Anleitung für Handlungsweisen aus anderen Diskursen (solÖk, Commoning)

Commoning bleibt prinzipienbasiert, es fehlen Rahmenbedingungen bzw. sie sind nicht aus der eigenen Logik heraus ableitbar (man könnte aber sagen, dass Commoning die genaue Kenntnis um Ressourcengrenzen ermöglicht und sie zu reproduzieren hilft)
Semantik Beide Diskurse nehmen eine aktive Umdeutung vor: anderer Wohlstand und Erhöhung der Freiheitsgrade:

Wachstumskritik über „Befreiung von Überfluss“, „Ausbrechen aus dem eisernen Käfig des Konsumismus“

Commoning über „Erweiterung der eigenen Lebensbedingungsverfügung / Handlungsmöglichkeiten“ (zu Raum, Boden, Beziehungen)
Commoner reden von „Logik der Fülle“, während Wachstumskritiker von Grenzen reden. Fülle wird allerdings auf wachstumskritischer Seite oft mit unendlicher materieller Verfügbarkeit verwechselt, dabei meinen Commoners eher „genug für Alle“, die Fülle der Beziehungen und Institutionen (Soziodiversity) oder, im Höschele-Sinne, eine Fülle von Commoning-praktizierenden Initiativen UND

Silke: Logik der Fülle ist als Begriff allerdings noch marginalisiert innerhalb der Commons-Debatte

Brigitte: „Fülle“ wird manchmal provozierend verwendet und ist eher als poetisch-objektiv zu verstehen (im Sinne Andreas Webers). Auf die Fülle an Beziehungen und Möglichkeiten schaut die Wachstumskritik gar nicht hin, daher kann man auch nicht von Konflikt reden, sondern eher von unterschiedlichen Perspektiven auf eine gemeinsame vielschichtige Realität.
Selbstbezug Wachstumskritik geschieht nicht aus Gründen der Wachstumskritik, während man Commoning aus Gründen des Commonings machen kann
Bezug zu den ökologischen Grenzen

Aktionsachsen / Strategische Hebel
Gemeinsame Nutzung von Ressourcen durch Commoning kann Umweltverbrauch absolut reduzieren; Paech (2011): Nutzenintensivierung und Nutzendauerverlängerung reduzieren den konsumptiven Umweltverbrauch (Dematerialisierung durch Ko-Nutzung) Durch Ko-Nutzung können Rebound-Effekte entstehen (vgl. dazu ausführlich: Peters et al., 2012)
  1. Die Nutzung gemeinschaftlich geteilter Güter kann direkte Umweltkosten verursachen, bspw im Rahmen erhöhter Transportraten und der umweltintensiven Logistik für den Verleih.
  2. Teilen und Verleihen von Gütern, deren Nutzung mit relativ hohem Umweltverbrauch verbunden ist, kann eine breitere Bevölkerungsschicht als bisher Zugang dazu erhalten, womit die Umweltkosten insgesamt steigen
  3. Psychologische Rebound-Effekte, also Verhaltensänderungen mit negativer Umweltbilanz, könnten entstehen; beispielsweise wenn beim Konsument die Einstellung vorherrscht, dass die Leihnutzung eines Gutes den ökologisch schädlicheren Konsum anderer Güter kompensiert

(Anmerkung: Die Beschreibung dieser Effekte ist zunächst einmal ein neutrales Analyseinstrument und keine Ablehnung von Ko-Nutzungspraktiken; es hilft sie in ihren Umweltauswirkungen besser einzuschätzen. In vielen Fällen sind diese Praktiken der Individualnutzung immer noch überlegen oder bedingen oder erzeugen Anreize für einen Wandel übergreifender Institutionen, die nachteilige Effekte auf individueller Ebene ausgleichen.)

Bezug zu den ökologischen Grenzen Commoning ist bedürfnisorientiert, aber nicht bedürfnis weckend → damit können seine Prinzipien eine Wirtschaftsform anleiten, die nicht wachstumsorientiert ist
Bezug zu den ökologischen Grenzen Commons-creating peer production, besonders wenn sie entkommerzialisiert und kapitalneutral stattfindet, mindert den Wachstumsdruck, da keine Kapitalverwertungslogik existiert
Bezug zu den ökologischen Grenzen Copyfarleft (Transition-Ansatz des Commonings: Wer aus den Commons schöpft, muss auch etwas zurück geben) scheint eine notwendige Bedingung dafür zu sein, da sie auch Gewinne bei rendite-getriebenen Unternehmen abzapft und wiederum entkommerzialisiert Bei „bloßem“ Copyleft: stehen offene, nicht-rivale Ressourcen durch Commoning prinzipiell auch Unternehmen zur Verfügung und können somit durch sie für Produktionswachstum genutzt werden („Copyleft-Rebound“)
Bezug zu den ökologischen Grenzen Commoning fragt nach Beitragen statt Tauschen und ermöglicht somit Prosumenten, die eigenwirtschaftlich/subsistent vom geldgestützten Konsum Abstand nehmen und somit weniger Umweltverbrauch ermöglichen Aus Commons-Sicht ist Subsistenz ist nicht dasselbe wie Commoning, da S. noch die alte Schablone von eigenwirtschaften versus globalverteilt produzieren reproduziert;

besser wäre wohl (Re-)Produktion

Commoning rund um physische Ressourcen findet meist in räumlich begrenzten Zusammenhängen statt, womit regionale Wirtschaftskreisläufe gefördert werden. Kurze raum-zeitliche Produktions- und Nutzungsketten senken den Umweltverbrauch, da weniger Energie für den Transport aufgebracht werden muss
Commoning fördert soziale Beziehungen und ihre Anerkennung als (dematerialisierte) Formen von Wohlstand. Der Umweltverbrauch durch positionale Bedürfnisse und symbolischen Konsum nimmt ab, wenn Individuen Wohlstandssteigerungen bereits durch tiefere soziale Bindungen erleben



Noch nicht drin:

  • Wiederbelebung handwerklichen Wissens / konvivialer Techniken durch Commoning und der Beitrag zu subsistenten/(re)produzierenden Lebensstilen
  • Aussage über die Einschätzung von unterschiedlichen Besitzinsitutionen in den beiden Diskursen
  • Commoning als Potenzial für Nachhaltigkeitsinnovationen (Ist in Commoning-Strukturen ein vorausschauenderes Wirtschaften wahrscheinlicher als in herkömmlichen Unternehmensstrukturen? Wenn ja, welche Faktoren sind entscheidend?)



Quellen:
Paech, N. (2011b). Skript der Veranstaltung Instruments of Sustainability Management, Universität Oldenburg
Peters, A., Sonnberger, M., Dütschke, E., Deuschle, J. (2012). Theoretical perspective on rebound effects from a social science point of view. Working Paper to prepare empirical psychological and sociological studies in the REBOUND project. Erschienen in: Working Paper Sustainability and Innovation, Nr. 2/2012. Karlsruhe. Fraunhofer ISI.