February 16, 2019, Saturday, 46

Jedermannsrecht

Aus Commons Sommerschule

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In Finnland war früher ein großer Teil des Landes (Weiden, Felder, vor allem aber auch Wald) im Gemeinbesitz ("yhteismaa" auf finnisch, "allmänning" auf schwedisch). Ab 1757 (Finnland war damals Teil des schwedischen Königreiches) wurde dieses dann aufgeteilt, entsprechend der Größe der Höfe. Was übrig blieb, ging an die Krone, so dass auch heute noch große Teile des Waldes in Nordfinnland dem Staat gehören. Diese Aufteilung ist in Finnland bis heute unter dem Begriff "Isojako" (ungefähr "Großes (Auf-)Teilen") bekannt, auf schwedisch "Storskiftet". Mit der Aufteilung änderte sich auch die Struktur der Dörfer. Die Häuser, die bis dahin zusammenlagen, wurden nun weit verstreut angelegt, jeweils auf dem zugeteilten Land. Zu Beginn brauchte es den Konsens im Dorf, damit das Aufteilen begonnen wurde, später reichte es aus, dass nur ein einziger Dorfbewohner dies forderte. Die letzten Aufteilungen fanden laut finnischer Wikipedia erst in den 1960er Jahren in Kuusamo (Nordostfinnland) statt. Das Jedermannsrecht, das allen die Nutzung der Wälder zum Beeren und Pilze sammeln, zur Erholung und ähnlichem zusichert, ist nach Meinung einer Archäologin eine Regelung, die einen Teil des früheren Commoning erhalten sollte und sicherlich auch erhalten hat.

Aktuell gibt es wieder Debatten um das Jedermannsrecht. Die Idee ist, dass jedermann - und jedefrau - sich frei in der Natur bewegen darf, auch wenn das Land im Privatbesitz ist, mensch darf dort Beeren, Pilze, Blumen sammeln, sich ohne Motorfahrzeug bewegen (z.B. auf Skiern, mit dem Ruderboot) und auch ein oder zwei Nächte übernachten. In Finnland darf man auch mit einer einfachen Angel (Stock mit Angelschnur) fischen. Im Gegenzug darf die Natur nicht beschädigt werden (für das Feuermachen braucht es bspw. die Erlaubnis des Landeigentümers) und muss der Hofbereich eines Hauses respektiert werden (d.h. mensch darf z.B. nicht in allzu großer Nähe eines Hauses Beeren sammeln). Seit einigen Jahren haben jedoch Unternehmer begonnen, im Sommer Thailänder nach Nordfinnland einzufliegen und sie mit einem GPS-Gerät ausgestattet in die Einöde zum Beeren sammeln zu schicken. Das kann man insofern befürworten, als dass es schade wäre, wenn die Beeren nicht gesammelt würden. Und wenn es für die Einheimischen nicht (mehr) lukrativ ist, dann ist es gut, wenn jemand anders das macht. Doch zum einen gibt es Probleme damit, dass die Unternehmer die Thailänder doch lieber in der Nähe von bewohnten Gegenden sammeln lassen, weil es zu kostspielig ist, verirrte Sammler aus der Wildnis zu retten. Dadurch pflücken die Sammler jedoch gerade dort, wo die Einheimischen auch ihre Beeren sammeln. Zum anderen ist es natürlich auch ein großes Problem, dass die Arbeitsbedingungen für die thailändischen Sammler sehr schlecht sind (sie müssen zuerst die Kosten für Flug, Unterbringung, Verpflegung abarbeiten und tragen auch das Risiko, wenn es wenig Ernte gibt).

Es ist die Frage, ob diese neue Praxis dem Geist des Jedermannsrechts, das vorrangig ein Recht für die dauerhaft Ortsansässigen ist (die Menschen in Finnland, egal welcher Nationalität) und das auch primär zur Versorgung für den Eigenbedarf gedacht ist - auch wenn das Beerensammeln schon immer für einen guten Nebenverdienst für die ländliche Bevölkerung gesorgt hat, aber es blieb eben ein Nebenverdienst, der eingebettet war in das ländliche Leben. Es mag auch Platz geben für ausländische Sammler, aber es scheinen dann doch zumindest gewisse Zusatzregeln/-interpretationen notwendig zu sein. Auch früher gab es schon immer wieder Probleme, zum Beispiel wenn deutsche Jugendgruppen in Schweden Zeltlager in der Natur organisierten, die ebenfalls das Jedermannsrecht überstrapazierten, weil sie zu große Spuren hinterlassen, denn der Idee nach gilt das Recht eher für Einzelpersonen und für ein bis zwei Nächte an einem Ort. Die Beispiele zeigen, dass es für das gelingende Fortbestehen von Commons wichtig ist, Lösungen zu entwickeln, wenn sich die Umstände der Nutzung ändern, neue Nutzer_innen hinzukommen oder sich die Bedürfnisse wandeln.

Hier ein Link dazu.